Ein allzu vergessener Künstler

Die erzgebirgische Volkskunst ist eine lebendige Tradition. Nahezu jeder Ort im Erzgebirge hat eine Schnitzstube, ein Museum oder einen Hersteller von Räuchermannerln, von Bergleuten in ihren traditionellen Uniformen, Weihnachtskrippen oder Nussknackern. Besonders die wunderschönen Weihnachtspyramiden sind weit über die Grenzen des Erzgebirges hinaus bekannt.


Gottfried Reichel (*31. Mai 1925 - 2. Oktober 2015) war ein Bildschnitzer aus dem Erzgebirge, der den Rahmen seiner heimischen Volkskunst sprengte.

Gottfried Reichel stammte aus dem Erzgebirgsdorf Pobershau, und lernte so schon als Kind die Schnitztradition seiner Heimat kennen. Seine Vorfahren waren Bergleute und Handwerker, er selbst war Autodidakt.

1943 meldete er sich freiwillig zur Bordfunkerausbildung an der Ostfront, doch als die im Spätsommer 1944 beendet war wurden Bordfunker nicht mehr gebraucht. Wiederum meldete er sich freiwillig, diesmal zu den Fallschirmjägern - auch die gab es nicht mehr. So wurde der junger Pobershauer einer anderen - wie man damals sagte - Eliteeinheit zugewiesen: Der Panzerdivision Totenkopf, einer Einheit der Waffen-SS. Im österreichischen Linz endete der Zweite Weltkrieg für ihn. Er kam in englische Kriegsgefangenschaft.

Von dieser Zeit sagt er heute: "Ich fand Menschen, die mich einließen und mit denen ich ins Gespräch kam. Die dabei gemachten Erfahrungen und Erlebnisse haben mein Leben völlig umgekrempelt. Es war eine Lektion in Menschlichkeit und Demokartie, die mich bis heute prägt." Diese Zeit konfrontierte Gottfried Reichel auch mit den Verbrechen der Nazis. Selbst stellte er sich immer wieder die Frage, "was wäre gewesen, wenn man mich statt zur Waffen-SS zur SS nach Auschwitz geschickt hätte."

Nach der Heimkehr 1948 wurde Gottfried Reichel "Neulehrer", aber er war den neuen Machthabern ideologisch nicht genehm. Bereits 1949 kam die fristlose Kündigung. In den folgenden Jahren bestritt er seinen Lebensunterhalt als Buchhalter.

In dieser Zeit der inneren Leere entdeckte er das Schnitzen für sich und entwickelte nach konventionellen Anfängen seinen ausdrucksstarken Stil, der an Ernst Barlach und Käthe Kollwitz erinnert.

Gottfried Reichel verkaufte seine Figuren nicht.

Weil er zu DDR-Zeiten unerwünscht war, blieb Reichel lange Zeit weitgehend unbeachtet. 1974 war die erste Ausstellung in der Dorfkirche Burkhardswalde bei Meißen, der 40 weitere Ausstellungen in evangelischen Kirchen folgten, nach der Wende auch in Rathäusern, Hotels und Museen, schließlich auch in den Niederlanden sowie in Nord- und Süddeutschland.

Biblische Themen hatte der Schnitzer erst zu Beginn der 50er Jahre aufgegriffen. Er übernahm die Leitung des Jungmännerkreises der evangelischen Kirchgemeinde. "In der gemeinsamen Bibelarbeit haben wir erfahren, dass das keine alten Geschichten sind. Wir fanden uns darin wieder." Aus der Beschäftigung heraus - dem "Hineinknien in die Schrift", wie Reichel sagte - entstanden die ersten biblischen Figuren.

Im Jahr 1997 wurde mit Unterstützung von EU-Mitteln eine dauerhafte Ausstellung für über 300 seiner Skulpturen in Pobershau errichtet. "Die Hütte" beherbergt heute sein Lebenswerk.


Um der Furcht vorzubeugen, dass das damals Geschehene niemand mehr wahrnehmen will, setzte sich Gottfried Reichel in seiner Kunst immer wieder mit dem Holocaust auseinander und setzte ihn neben biblische Themen, so bereits in den siebziger Jahren unter dem Thema "Deportation nach Babylon". Viele dieser Figuren erscheinen zeitlos, ganz vorn läuft ein Junge mit erhobenen Händen. Er wurde nach dem weltbekannten Originalfoto gestaltet. Die Bewacher sind deutschen Soldaten nachempfunden.

2003 wurden Figuren dieser Gruppe der Gedenkstätte Yad Vashem geschenkt.



In den Jahren 1995 bis 97 entstand dann die eindrucksvolle Figurengruppe "Menschen im Warschauer Ghetto" nach Fotografien des deutschen Soldaten Joe J. Heydecker, die dieser unter Lebensgefahr aufgenommen hatte. Jede einzelne Figur spiegelt ein ganz persönliches Schicksal wieder, keiner hatte eine Zukunft. Gottfried Reichel wurde gefragt, was er beim Schnitzen dieser Figuren empfunden habe: "Es war nicht einfach, jedes dieser Kinder hätte ja auch mein Kind sein können."







Ende des vergangenen Jahrtausends besuchte eine Gruppe aus Chemnitz stammender Juden Pobershau. Eine der Holocaust-Überlebenden meinte: "Man braucht den Figuren nur noch Atem einhauchen, dann leben sie."

Das Medium Gottfried Reichels war Lindenholz.

Der Tanz um das Goldene Kalb.
Schutzbedürftig.
Die Sünderin
Danach arrbeitete Reichel noch fast 15 Jahre. Dieses Spätwerk war als Wanderausstellung unter dem Titel "Biblische Geschichte in Holz" in Deutschland unterwegs und wurde in über 30 Orten gezeigt.

Zum Abschluss (ich lebe in Pobershau) ein paar grottenschlechte Aufnahmen aus meinem Billighandy (sie wären aber, um ehrlich zu sein, mit einer teuren Kamera aufgenommen kaum besser geworden).

Der verlorene Sohn.

Jeremiah.

Der gute Samariter.

Auf der Suche nach einer Herberge.
Im Oktober 2015 im Alter von 90 Jahren verstarb Gottfried Reichel. Sein Grab befindet sich in Marienberg.

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Meine wichtigste Quelle: TAG DES HERRN, Artikel von 1999.

Informationen: "Die Hütte", Rathausstraße 10 in 09496 Pobershau, Tel. (0 37 35) 6 25 27.

Literaturhinweis: Joachim Schöne: "Dieses Holz lebt - Das Lebenswerk des Schnitzers Gottfried Reichel"; Druck- und Verlagsgesellschaft Marienberg, ISBN 3-931770-25-7; 34.90 Mark

Joe J. Heydecker: "Das Warschauer Ghetto"; Fotodokumente eines deutschen Soldaten aus dem Jahr 1941; DTV-Taschenbuchverlag, ISBN 3-423-30724-2; 16,90 Mark

Es ist immer noch Platz nach unten

Ich re-poste (Neudeutsch!) meinen Eintrag Ein Blick in die deutsche Gruppenseele aus gegebenem Anlass. Bitte herunterscrollen und das lange Addendum lesen.

Danke!
Das Erbe des Wolfes lässt uns nicht los.

Jeder, der die öffentliche Auseinandersetzung über die Wiederansiedlung des Wolfes in Internet und Medien verfolgt, muss an der Unsachlichkeit der Diskussion verzweifeln. In West- und Mitteleuropa wurde der Wolf nach endlosen Konflikten mit der Bevölkerung am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend vertrieben. Wolfsunterstützer behaupten nun, dass unsere Altvorderen nur einen Sündenbock brauchten und dass durch Wölfe verursachtes Menschenleid ins Reich der Fabel verwiesen werden könne. Auch, dass wir uns von Ammenmärchen wie "Rotkäppchen" Angst machen ließen.

Tatsächlich ist es umgekehrt. Volksmärchen wie Rotkäppchen geben die sehr realen Ängste, Nöte und Wünsche der Menschen von damals wieder, eine Form der Psychotherapie, bevor es Psychotherapie gab, sozusagen. Im internationalen Vergleich kann man sehen, dass gleiche Motive in unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen immer wieder auftauchen. Da dies manchmal nicht mit gegenseitiger Beeinflussung zu erklären ist, wird als Erklärungsansatz häufig die von Carl Gustav Jung entwickelte sogenannte Archetypenlehre herangezogen. Hiernach verfügt die Menschheit über ein Kollektives Unbewusstes mit einem Vorrat bestimmter gemeinsamer Vorstellungen, z.B. die immer wiederkehrenden bösen Stiefmütter oder die missgünstigen Schwestern, die ausgesetzten Kinder, aber auch die glanzvolle Heirat, oder eben wilde Tiere, meist Wolf oder Bär.

Tatsächlich gibt es zahlreiche Quellen, die die Ängste unserer Vorfahren nachvollziehbar machen. Dabei muss man sich hüten, in eine anthropomorphe Denkweise zu verfallen. Es geht nicht um "Gut" oder "Böse", der Wolf ist ein Tier und handelt instinktiv. Er kennt derartige Begriffe nicht. Es geht vielmehr darum, dass Wölfe den Menschen in der Vergangenheit so geschadet haben, dass ein Leben nebeneinander nicht mehr möglich war.

Der norwegische Wildbiologe J.D.C. Linnell hat 2002 die Übergriffe auf Menschen in Skandinavien in den letzten 300 Jahren untersucht und sich auf die tödlichen Angriffe konzentriert. In den Ländern Finnland, Schweden und Norwegen sind 94 Todesfälle belegt, die meisten Opfer waren Kinder. Bei diesen Zahlen muss man von der Untergrenze ausgehen, weil, wie Linnell selbst zugibt, etliche Quellen als sogenannte "unbestätigte" Überlieferungen von den Wissenschaftlern verworfen wurden, was nahelegt, dass die Biologen Historiker in ihre Forschungen hätten einbeziehen sollen.

Der französische Agrarhistoriker Jean-Marc Moriceau hat die historischen Quellen in Frankreich ausgewertet und Daten über Wolfsangriffe erstellt.

Die hohe Zahl von mehreren Tausend Wolfsopfern zwischen 1580 und 1830 in Frankreich lässt Raum für Spekulation über die Gründe. Die häufigen Kriege mögen ein Grund sein, denn Kriegs- und Notzeiten waren dem Wolf immer zuträglich.

Historische Quellen zu Wölfen in Kriegszeiten: https://de.wikisource.org/wiki/Kriege_und_Raubtiere

Forstmeister a.D. Helmut Mattke führt in seiner Abhandlung "Auf uralten Wolfspässen" (Sammelband Nord-deutsche Forst-und Jagdgeschichte, WAGE-Verlag, 2000) auf der Grundlage von amtlichen Statistiken ab dem 18. Jahrhundert bis heute, sowohl nachgewiesene Fälle von menschlichen Opfern, als auch die hohen Haus- und Weidetierverluste in Europa auf, z.B. betrugen die Tierverluste allein im Jahr 1823 im Baltikum/Livland: 15.182 Schafe, 4.190 Schweine, 3.270 Ziegen, 1.807 Rinder, 1.841 Pferde, 1.873 Gänse und 713 Hunde.

Viele weitere Beispiele mit beträchtlichen Zahlen reichen bis in die 1970er Jahre der Gegenwart. Nach der Zurückdrängung der Wölfe in Westeuropa sank die Zahl der menschlichen Opfer bis auf wenige Fälle.

Je mehr man sich in diese Zahlen vertieft, je rätselhafter werden die Motive der Wolfapologeten und vor allem deren Aggressivität. (Tatsächlich wurde der Verfasserin dieser Zeilen auf einer Seite im Internet für die Publizierung von faktisch korrektem Zahlenmaterial Prügel angedroht.) Warum regt sich niemand darüber auf, dass das Wisent, im Gegensatz zum Wolf, tatsächlich kurz vor dem Aussterben steht? Warum nicht über die Bilder von gerissenen oder - schlimmer - lebend angefressenen Schafen, Rindern oder Pferden? Auch Hunde wurden schon gerissen. Allzu viele Schäfer haben bereits aufgegeben und Rinderhalter von der - tierfreundlichen - Weidehaltung Abstand nehmen müssen.

NiedersächsicheWeidetierhalter legen tote Tiere vor den Landtag ab. Quelle: Agrarheute.

Mai 2018: Mehr als 40 Schafe im Schwarzwald getötet.
Nein, mit anderen Kreaturen hat man kein Mitleid. Die Legende vom schnell mit Kehlbiss tötenden Wolf ist eben das - eine Legende und die Forderung nach Herdenschutzhunden ist zynisch in ihrer Realitätsferne. Diejenigen, die effektiv wären, wären wiederum eine Gefahr in einer dichtbesiedelten Kulturlandschaft - das sind keine Bählämmer - von den untragbaren finanziellen Belastungen für die Tierhalter einmal abgesehen. Es ist ja auch schon eine lukrative "Herdenschutzhund"-Nachzuchtindindustrie entstanden. Gutes zu tun und dabei noch zu verdienen wird ja immer wieder gerne genommen.

Kalb - kein Kehlbiss.

Hund - zweifelhafter Kehlbiss.

Reh - kein Kehlbiss.

Esel. Und nein, Mitleid hat man nicht.

Esel, heißt es in gewissen Kreisen, vermögen die Schafe voir Wolfsangriffen zu schützen.
Sie werden gerne so dem Götzen Wolf geopfert.
Ich enthalte mich eines weiteren Kommentars, Kinder könnten hier mitlesen.

Wieso das alles von den Wolfsfreunden bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls geleugnet wird, darüber kann man nur spekulieren. Die meisten von ihnen dürften auch "Naturschützer" sein, aber auch Schutz und Erhaltung der Deiche durch Schafe oder der Almen, die ohne Weidetiere verkarsten würden, geht ihnen an ihrem grünokologischen Hintern vorbei.

Fest steht, es gibt für sie Tiere erster und Tiere zweiter Klasse. Immer wieder findet sich auch das Mantra vom Menschen, der "das schlimmste Raubtier" sei. Ist es verständlich, dass ich diesen Leuten dann einen Moment lang wünsche, dass sie sich in einer Steinzeithöhle wiederfinden mögen, ohne Bildung, ohne Kultur, ohne Architektur, ohne Musik oder Malerei, ohne Philosophie und Literatur und vor allem ohne Hygiene und medizinische Versorgung?

Stefan Fügner gibt dem Ganzen in seinem Jagdblog folgende Interpretation:
Der Misanthrop ist in der Regel ein schwacher Mensch ohne großes Durchsetzungsvermögen. Er macht für seine Ausgrenzung und das Gefühl des Alleingelassenseins immer seine Mitmenschen verantwortlich, aber nie sich selber. Er sucht als schwacher Mensch Verbündete, die ihm helfen, sich von dem erlittenen Leid zu befreien. Genau diese Charaktereigenschaften hat der Wolf:

Im Wolf vereinen sich alle Charaktereigenschaften, die dem Misanthrop fehlen und für die er sein gesellschaftliches Scheitern verantwortlich macht. Der Wolf ist aus seiner Sicht stark, wild, frei, klug, rücksichtslos, durchsetzungswillig und -rächt sich nun für sein durch den Menschen erlittenes Unrecht. Für den Misanthropen ein geradezu idealer Verbündeter und ein Vorbild gegen die verhassten Mitmenschen! Mit Tier und Naturschutz hat das alles sehr wenig zu tun.
Werden diese Leute Verantwortung übernehmen, wenn die zweifellos hochintelligenten Wölfe, die schon lange gelernt haben, dass ihnen bei uns mangels Jagddruck nichts passiert, irgendwann auch einsehen, dass es einfacher ist, ein Kind vom Fahrrad zu holen, anstatt Wild nachzuhetzen oder einen hohen Weidezaun zu überwinden?

Ich bezweifle es.
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Für das weitere Zahlenmaterial: https://www.wolf-nein-danke.de

Addendum:
Der Bund der Steuerzahler in Deutschland e.V.  berichtet auf seiner Webseite:
Ein Krankenwagen für Wölfe

Hannover. Der Wolf ist zurück in Teilen Niedersachsens. Schon im Juli 2015 nahm daher offiziell das Wolfsbüro seinen Dienst beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) auf. Landesweit dienen seitdem eigens berufene Wolfsberater als ehrenamtliche Ansprechpartner für Tierhalter, Jäger sowie interessierte Bürger. Sie erfassen zudem die örtlichen Wolfssichtungen, um die Ausbreitung der Tiere genau im Blick zu haben. Dazu gehört auch die Aufnahme von Verkehrsunfällen, bei denen eines der unter Naturschutz stehenden Tiere zu Schaden gekommen ist.

Um die Arbeit der Wolfsberater noch weitreichender zu unterstützen, nahm die Region Hannover im Januar 2017 einen bundesweit bis heute einmaligen Spezialanhänger in Betrieb, mit dem die bei einem Unfall verletzten Wölfe zur weiteren Versorgung abtransportiert werden können.

Um dabei Mensch und Tier zu schützen, wurde das auf einem Hundeanhänger basierende Fahrzeug speziell an seine Aufgabe angepasst. Der Anhänger verfügt über wildtiersichere Innenwände, ein Transportbrett mit Fixiergurten, Stabschlingen und Netze zum Einfangen der Tiere, Bissschutzhandschuhe, einen Maulkorb und sogar eine Heizdecke für die verletzten Tiere. Um die Verkehrssicherheit an der Unfallstelle zu gewährleisten, ist der Anhänger zudem mit verschiedenen Beleuchtungseinrichtungen versehen. Diese Spezialanfertigung hat seinen Preis: Fast 11.000 Euro hat die Region Hannover für den Anhänger ausgegeben. Sie wollte ihn bei Bedarf auch den Nachbarlandkreisen Celle, Nienburg und Heidekreis zur Verfügung stellen.

Genutzt wurde der Anhänger seit seiner Anschaffung allerdings kein einziges Mal, da es keine Einsatzmöglichkeiten gibt. So kam es in der Region seit Inbetriebnahme lediglich zu zwei Unfällen. In beiden Fällen kam der Wolf bei dem Unfall zu Tode. Auch in den Nachbarlandkreisen gab es kein Ereignis, bei dem der Anhänger von Nutzen gewesen wäre.

Der fehlende Bedarf hat sich dabei schon vor der Anschaffung abgezeichnet. In den zwei Jahren vor der Anschaffung dokumentiert der NLWKN lediglich einen einzigen tödlich verunglückten Wolf in der Region Hannover. Über die geringe Anzahl von Unfällen darf sich der Wolfsfreund durchaus freuen, ärgern kann sich hingegen der Steuerzahler. Er hat 11.000 Euro für die Anschaffung eines Spezialanhängers bezahlt, von dem bereits im Vorhinein klar war, dass er kaum zum Einsatz kommen würde.


Foto: Marcus Prell
Der BDST konzentriert sich - verständlicherweise - allein auf den finanziellen Aspekt. Ich fühle mich dadurch allerdings in meiner ethisch-moralisch begründeten Sicht bestätigt.

Nichts symbolisiert den Abgrund, in den unsere Gesellschaft geraten ist, pointierter als DAS! Kinder sterben, weil Intensivstationen mangels Geldes unterbesetzt sind, aber die Stimmen der Wolfsfreunde sind halt wichtiger für die Politik. Tote Menschen können ja nicht mehr wählen.

Es beweist auch meine Theorie, dass es für diese "Tierfreunde" Kreaturen erster und zweiter Klasse gibt (der Mensch gehört eh nicht in den Rang der "Kreaturen"). Warum kein "Krankenwagen" für Rotwild, für Sauen, für Rehe? Geld ist ja offenbar genug da.

Dazu kommt noch, dass dem Wolf damit kein Gefallen getan wird. Ich mag mir nicht ausmalen, welchen Stress eine solche Prozedur für ein wildes Tier bedeuten würde. Der Wolf, ein Tier, weiß nichts von seinem Tod. Es wäre FÜR IHN viel gnädiger, ihn zu erlösen. Es zeigt auch, was für ein Wahnsinn diese Wiederansiedlung ist. In einem dichtbesiedelten Land mit einer engen Verkehrsinfrastruktur MUSS doch dauernd einer totgefahren werden. Ich gehöre nicht zu der Fraktion, die auf den Gräbern der toten Wölfe tanzt. Mir zerreißt es das Herz, mir tut jeder totgefahrene Wolf, der leiden musste, leid. Er konnte nichts dazu. Aber ich bin ja auch kein "Tierfreund".

Genie und Wahnsinn

Die genialen Wahnsinnigen (oder meinetwegen wahnsinnigen Genies), um die es hier gehen wird, sind Russell Terrier - und zwar in der Kunst.

Die Entstehungsgeschichte dieser Rasse wurde in diesem Blog bereits hier thematisiert, daher nur: der Begründer der Rasse, Pfarrer John "Jack" Russell, war genauso verrückt wie die Hunde, die bis heute seinen Namen tragen. (Ich habe selbst zwei davon, aber bitte keine dummen Bemerkungen - zumindest, was "Wahnsinn" anbelangt.)

"Weiße Terrier" waren und sind beliebte Objekte für Maler. Vielleicht, weil Farbe und Zeichnung  attraktiv sind, vielleicht auch, weil ihr meist kurzes Fell ihren Gesichtsausdruck besser offenbart, als bei langhaarigen Rassen. Man kann diesen Blick in vier Kategorien aufteilen: wachsam-kritisch no-nonsense, "braver Hund", wenn sie etwas wollen, irre, wenn sie etwas Jagdbares sehen und einfach müde. Selbstverständlich ist die "Braver-Hund"-Miene ihrem außergewöhnlich stark entwickelten schauspielerischen Talent zu verdanken.

Besonderen Spaß machen mir immer die Bilder, die Terrier bei der Arbeit zeigen.

Manche Bilder, vor allem die aus der Viktorianischen Stilepoche, sind etwas süßlich, bei manchen sagt man: "Ja, so sieht ein Terrier aus", aber mehr auch nicht. Und manche bekommen es halt genau hin und erfassen die Seele des Hundes.

Dies ist eine Zusammenstellung von Bildern und kleinen kunsthandwerklichen Gegenständen, die mir gefallen. Die Reihenfolge spielt keine Rolle.

Notabene: in alten Darstellungen findet man auch Terrier, die eindeutig dem Typ des Russell Terriers entsprechen, als Foxterrier bezeichnet oder solche, die lange vor der Zeit des alten Pfarrers im Bild festgehalten wurden. Die Bezeichnung "Jack (oder Parson) Russell Terrier" ist neueren Datums. Der Foxl unterscheidet sich heute auf den ersten Blick durch das Fehlen des "Stops", des Übergangs von Nasenwurzel zu Schädel, etwa in Höhe der Augen. Beim Russell Terrier ist er steil ausgeprägt, beim Foxl praktisch nicht vorhanden. Wann genau die "offizielle" Trennung zwischen den beiden Rassen stattfand, weiß ich nicht.

Bei diesem Bild von Arthur Wardle (1860–1949), "No One Home",
dürfte es sich tatsächlich, man beachte den fehlenden "Stop",
um Foxterrier handeln.
Was auch immer! Erfreuen Sie sich einfach an den Bildern.

Die legendäre "Trump" des John Russell. Das Bild wurde vom Fürsten von Wales (später Edward VII) in Auftrag gegeben, rund 40 Jahre nach dem Tod der Hündin. Es hängt heute noch in der Sattelkammer von Sandringham. Der Künstler ist mir unbekannt.

Hunde des Russell-Typs in einer zeitgenössischen Darstellung:
John Emms (1844 bis 1912), "Acht Drahthaar-Foxterrier [sic!] im Zwinger"

Sir Edwin Landseer (1802 - 1873), "Jocko with a Hedgehog".

Arthur Wardle (1860–1949), der Titel des Gemäldes ist mir unbekannt.
Zwei Russell Terrier ("Stop"!), einer glatt-, einer rauhhaarig, bei der Arbeit.

John Fitz Marshall (1859 - 1932), "Gamekeeper's Companion".

Alfred Wheeler (1852 - 1932), "Two Fox Terriers" [sic!].
Man beachte den kritisch-wachsamen Blick, der diesen Hunden zu
eigen ist.

Arthur Wardle (1860–1949), "Smooth Haired Fox Terriers [sic!]
at a Rabbit Hole".

George Armfield (1810–1893), "Terriers Ratting".

H.T. Dicksee (1862-1942), "Closed Door".

John Emms (1844 bis 1912), "Smooth Haired Fox Terrier Richmond Jack".
Eindeutig ein Russell ("Stop"!) Diese Bemuskelung!

John Emms (1844 bis 1912), "Dogs Watching Bathers".
Landseer und Russell Terrier.
Es kann auch schief gehen. Nachdem sie jahrelang friedlich
zusammengelegen hatten, kam es zu einem Kampf auf Leben und Tod,
den - wer hätte das gedacht - der Terrier angefangen hatte.
Ich musste mich von dem Deutsch Kurzhaar trennen, der Terrier
hatte ältere Rechte. Es war schrecklich.
(Man beachte den unentspannten Blick des Terriers. Ich hätte es
wissen müssen.)
;
Philip Eustace Stretton (1865 - 1919), "Left in Charge".
Er nimmt seine Aufgabe sehr ernst. ("Der Blick"!)

Philip Eustace Stretton (1865 - 1919), "By the Hearth".

Philip Eustace Stretton (1865 - 1919), "In the Lap of Luxury".

George Stubbs (1724 – 1806), "Bay Horse and White Dog".
Hier haben wir also einen weißen Terrier lange vor der Zeit
des Pfarres John Russell.

William Elsob Marshall (1859 - 1881), "Terrier in a Landscape".

Arthur Wardle (1860–1949), "Terriers at a Riverbank".
An solchen Ufern gibt es immer etwas Interessantes,
Ratten, Otter... Weiß ich aus eigener leidvoller Erfahrung.

Zum Abschluss der Bilderreihe, je ein Portrait meiner Terrier. Mit etwas Glück finden sich auch heute gute Tiermaler.

Sonja Herrmann hat Jack genial wiedergegeben.
Der irre Blick ist unverkennbar.

Bettina Balczulat hat meine verrückte Kleine
perfekt eingefangen. Sie kennt nur zwei
Gesichtsausdrücke: jachtig irre und lieb. Sie ist
eben anders als andere Hunde.


Hier verlassen wir das Reich der Kunst und begeben uns in das des Kunsthandwerks. Ob und wo hier die Grenze zum Kitsch überschritten wird, mag ich nicht zu entscheiden. Es haben eh nur geschmacksunsichere Leute ein Problem damit. Mir gefallen sie.

Dieser Silberschmied hat den irren Blick perfekt hinbekommen!

"Braver Hund"! Er möchte vermutlich eine Eiswaffel*.

Border Fine Art: Zwei Russells beim Ausgraben des Fuchses.

Border Fine Art: Er möchte eine Eiswaffel*.

Border Fine Art: Sie haben etwas Spannendes entdeckt.

Border Fine Art, "Marking His Territory", die Lieblings- und nie endende
Tätigkeit meines Jacks. Er tut es ÜBERALL und in einem Zeitabstand
von gefühlten 10 Sekunden. Wo er ist, ist sein Territorium.
*Die "Eiswaffel" ist eine Anspielung auf eben diesen Jack. Dafür macht sich der größte Held und Macho aller Zeiten gerne schon 'mal zum Affen.

Wir haben in unserem anderen Blog schon einmal Terrier in der Kunst thematisiert.