Gutmenschenempathie

Kennen Sie auch Leute, die Hunde aus süd- oder osteuropäischen Hundeelendsländern geholt haben und sie dann lustig jagen lassen? Fifi muss sich schließlich selbst verwirklichen und auch mal Spaß haben können, schließlich hatte er eine schwere Jugend. Die sind übrigens erstaunlich oft gegen die Jagd - das heißt, wenn sie denn durch Jäger, die durch ein rigoroses Prüfungssystem gegangen sind, tierschutzgerecht und im Sinne der Aufrechterhaltung einer ausgewogenen Wildfauna, ausgeübt wird.

Pfui Teufel! Das könnte ja Spaß machen und Deutsche tun alles nur aus den allerernstest- und -edelsten Motiven, auch und vor allem das Hundehalten.

Mit 8 Wochen schon ein Kindersoldat!
Meinen ersten Hund habe ich mir nicht aus einem der bekannten Hundeelendsländer geholt, sondern von einem seriösen Züchter jagdbetonter Terrier auf der Britischen Insel, wofür ich mir eine Bemerkung eingehandelt habe, wie die, dass man doch gedacht habe, dass ich einem "armen Hündchen aus dem Tierheim ein Zuhause gegeben" hätte. So sieht Gutmenschenempathie halt aus.

Nun ja, zum Tierpsychiater, zur Veterinärkrankenschwester oder zum edlen Samariter habe ich mich nie berufen gefühlt, ich wollte - Pfui Teufel und so ganz undeutsch - einfach Spaß an und mit dem Hund haben, auch ohne unbedingt Gutes dabei zu tun, daher hielt sich mein schlechtes Gewissen in engen Grenzen.

Warum von der Britischen Insel? Zuerst weil man für Köter dieser Rasse hier ein Vermögen bezahlt und ich für das, was der kleine Kerl gekostet hat, nicht einmal besuchsweise die Nase in einen einschlägigen deutschen Zwinger hätte stecken dürfen, dann weil die Briten gute Hundeleute sind und dann, weil ich dort eine Freunde-Infastruktur habe, die mich ja auch letztlich zum Ziel geführt hat. Jagdliche Erwägungen habe ich, wie gesagt, damals noch nicht angestellt. "Papiere" waren für mich nicht von Bedeutung.

Nach erfolgreicher Brauchbarkeit. Foto: Privat.
Als ich dann entdeckte, dass der Hund gerne jagen wollte und extrem wasserfreudig war, musste ich das in vernünftige (und legale) Bahnen lenken, was hieß, den Jagdschein zu machen, etwas, woran ich nie großes Interesse gehabt hatte. In Nordrhein-Westfalen, wo ich damals lebte, konnte man die Brauchbarkeitsprüfung mit papierlosen Hunden ablegen, die phänotypisch - also ihrem äußeren Erscheinungsbild nach - einer Jagdhunderasse entsprachen.

Dann zog ich um nach Sachsen und hatte ein Problem. Dort wurden zur Brauchbarkeitsprüfung nur Hunde zugelassen, die Papiere eines vom JGHV (der jagdkynologischen Dachorganisation) anerkannten Zuchtverbandes hatten.

Ich bin also Mitglied in dem entsprechenden Verein geworden, habe den Hund dort erfolgreich phänotypiseren lassen, sodass er "Papiere" ausgestellt bekam. Daraufhin habe ich noch, obwohl ich das nicht gemusst hätte, den Wesenstest dieses Clubs mit dem Hund (dabei werden Nervenstärke, jagdliche Grundeignung und freundliche Disposition dem Menschen gegenüber geprüft) abgelegt. Übrigens sehr erfolgreich - hat uns beiden Bombenspaß gemacht.

Der Ernst des Lebens begann mit der Prüfung für Bauhunde in der Schliefanlage. Schliefanlagen sind standardisierte künstliche Fuchsbauten (nicht zu verwechseln mit Kunstbauten), die viele Schikanen enthalten, denen ein Hund bei der Baujagd ausgesetzt sein kann. An einer Seite befindet sich ein "Kessel" mit einem lebenden Fuchs. Er ist durch einen gitterartigen "Schieber" von dem Hund getrennt. Der Hund muss schnell seinen Weg zum Kessel finden und den Fuchs, dem dabei nichts passieren kann (und der das auch weiß), bedrängen. Davon, ob er und wie energisch er das tut, hängt das Resultat seiner Bauprüfung ab. Weitere Einzelheiten sind in diesem Zusammenhang uninteressant.

"Ja, ich seh Dein Ohr!" sagte der Richter bei der Zuchtzulassung. Er meinte das krumme Ohr auf der hier nicht sichtbaren Seite. Das anbiedernde Wedeln hat dem Kerl zwar nichts genützt, aber es hat so grade noch gereicht.
Die Ausbildung in der Schliefanlage ist unabdingbar für die Sicherheit des Hundes bei seinem späteren Baujagdeinsatz. Die Schliefenfüchse sind in Gefangenschaft geboren, dürfen nur paarweise gehalten werden, damit sie auch Sex haben können, müssen Klettermöglichkeiten haben (ja, Füchse klettern gerne) und werden bestens ernährt, der Kessel muss gekachelt sein, damit hygienische Verhältnisse gesichert sind. Mit anderen Worten: sie haben es besser als viele Menschen. Diese Füchse kennen ihren Job genau und wissen, dass ihnen nichts passiert. Sie können in Ruhe alt werden und sterben eines natürlichen Todes. Dennoch kann man auf "Tierschützer"-Seiten lesen, dass diese Füchse nach der "Jagdsaison" den Hunden "zum Zerreißen" vorgeworfen werden, deswegen wird man auch schon 'mal bei einer Schliefanlage von Passanten liebevoll  "Fuchsquäler" tituliert, auch werden diese gerne einmal abgefackelt. Gutmenschen sind zwar immer gut, aber fast nie ehrlich.

Danach kam die Brauchbarkeitsprüfung für Schweiß und Stöbern in Sachsen, die wir in der Lausitz erfolgreich abgelegt haben. Dabei wurde der Sichtlaut des Hundes bestätigt, d.h. er gibt beim Anblick von Wild laut - vulgo: er bellt. Ich habe ihn auch spurlaut jagen sehen (der Spurlaut, wobei der Hund laut der Spur des Wildes folgt, ist wertvoller als der bloße Sichtlaut), aber beide Arten des Lautes müssen von einem Richter des JGHV bestätigt werden, und es war keiner anwesend.

Müde aber glücklich nach einer Drückjagd.
Ich habe ihn sogar erfolgreich auf einer Zuchtschau vorgestellt, obwohl mir klar war, dass zu einem Phänotyphund ohne nachweisbare Abstammung, richtigerweise, niemand zum Decken kommen würde. Aber da er so eine kleine Aufmerksamkeitshure ist, habe ich ihm den Gefallen getan. Er hat es genossen und es war ein schöner Tag.

Wenn ich sehe, mit welcher Freude der kleine Kerl bei der Jagd und den Übungstagen bei der Sache war (er ist auch ein Genie an Sauen, obwohl die Hunde auf den Britischen Inseln - dort gibt es ja keine - nicht dafür gezüchtet werden) war ich immer froh, diese Ochsentour absolviert zu haben.

Und wenn jetzt zur Setz- und Brutzeit wieder die grauenerregenden Nachrichten und Bilder des von wildernden Hunden gerissenen Wildes hereinkommen, dann denke ich, dass es für Gutmenschen nicht nur zwei Sorten von Menschen - sie selbst und die anderen - gibt, sondern auch zwei Sorten von Tieren, die, mit denen man Mitleid hat - und die anderen.

Der kleine Drecksköter wird in einigen Tagen 14 Jahre alt, ist kerngesund und vital wie ein junger und hat mir - Pfui Teufel! - nur Freude bereitet, und die Samariter können mich mal kreuzweise.

Ich bin halt ein Egoist und das ist auch gut so.

"Wo ist die Ente?" Der Hund mit 13 Jahren.